Montag, 21. Juli 2014

"Andernorts und Überall zugleich"

 Eine Rezension zu Doron Rabinovicis Roman Andernorts



Tada, ich habe es endlich geschafft meine erste eigene Rezension zu schreiben. Angeblich soll das Wetter ab morgen ja wieder besser werden. Vielleicht wäre das ja ein spannendes Buch für den nächsten Sommerurlaub oder aber für den Garten oder (man mag kaum davon träumen) fürs Freibad. Und wenn es bei dem tagelangen Sprühregen bleibt, ich bin versorgt! 



Aber lest selbst!



Ethan Rosen, Hauptfigur in Doron Rabinovicis Roman Andernorts, ist Kulturwissenschaftler und lebt in Wien. Seine Eltern, jüdische Überlebende des Holocausts, haben sich nach jahrelangen Aufenthalten auf der ganzen Welt mitlerweile in Tel Aviv niedergelassen. Ethan ist zwar in Tel Aviv geboren, er fühlt sich in dieser Stadt aber immer wieder rastlos und eben nicht beheimatet. So sagt er über seine Aufenthalte in Israel: „Ich bin erst kurz im Land, aber schon will ich wieder weg.“1

Gleichzeitig „wußte [er] sich [dort] zu Hause, fühlte sich so heimisch und fremd zugleich, daß ihn die Sehnsucht erfaßte, sofort wieder fortzufliegen“ (A, S. 80). Heimisch und fremd zugleich zeigt wie zerrissen Ethan zwischen seiner Wahlheimat Wien und seinem Geburtsort Tel Aviv ist. Diese Zerrissenheit bringt Dov Zedek, ein väterlicher Freund besonders gut zum Ausdruck, als er sagt, Ethan sei „ein Mischmasch aus Tel Aviv und eine Melange aus Wien“ (A, S. 50f.)
Vielleicht kann man sein Zuhause auch an mehreren Orten haben? In Wien ist er ein erfolgreicher und international beachteter Kulturwissenschaftler geworden. Hier hat er seine Freunde, mit denen er zu einem Großteil seinen jüdischen Glauben teilt. Wien, das ist in diesem Roman, der Ort der Kinder der Holocaust-Überlebenden. (Vgl. Löffler, Sigrid: Kalamitäten, Skandale und Eklats. In: Deutschlandradio Kultur, erschienen am 4. Oktober 2010.) Sie haben sich weitab dem Ort ihrer Herkunft eine jüdische Gemeinde aufgebaut.
In Tel Aviv hingegen steht die Eltern-Generation, die Holocaust-Überlebenden selbst, im Mittelpunkt(Ebd.). Seine Eltern leben dort genauso wie manch anderer Verwandter.

Bedingt durch die schwere Krankheit seines Vaters bleibt Ethan für eine längere Zeit in Israel. Am Krankenbett trifft er eines Tages seinen größten Konkurrenten um eine Wiener Uni-Professur, Rudi Klausinger. Er ist seit Jahren auf der Suche nach seinem Vater und meint diesen in Ethans Vater, Felix Rosen, gefunden zu haben. Dieser bestätigt es. Da seine Eltern das neue Familienmitglied mit Freude willkommen heißen, Rudi Klausinger sogar in Ethans Kinderzimmer einzieht, verschlechtert sich sein Verhältnis zu seinen Eltern: „Ethan stand abseits und sah zu, wie die eigene Familie ihm fremd wurde.“ (A, S. 154)
Durch die unerwarteten Familienturbulenzen wird die Reise nach Israel für Ethan zu einer Suche nach der eigenen Herkunft. Als der Rabbiner Berkowitsch mithilfe Ethans Sperma auch noch den lang ersehnten Messias reproduzieren will, wird die Suche perfekt. Sein Vater soll ein enger Verwandter, des in Auschwitz ermordeten Messias sein? Ethan willigt schließlich ein, um seinem Vater mithilfe des einflussreichen Rabbiners einen neue Niere zu ermöglichen. Der Gen-Test bringt wiederrum Erschütterndes zum Vorschein. Felix Rosen ist nicht Ethans Vater. Stattdessen vertrauen ihm seine Eltern an, Dov Zedek, der väterliche Freund, sei sein wahrer Vater. Wiederrum dreht sich das Familienkarussel: Sein Vater ist nicht sein richtiger Vater und als er sich gerade mit dem Gedanken angefreundet hatte, einen Bruder zu haben, zerplatzt auch diese Seifenblase.

Ethan arbeitet wie auch sein Vater auf der ganzen Welt. Weltweit ist er auf Kongressen vertreten. Er spricht viele verschiedene Sprachen fließend und kennt sich in den unterschiedlichsten Kulturen aus. Ethan ist ein Kosmopolit. Die eigene Herkunft und die Kindheit auf der ganzen Welt haben ihn längst zu einem Weltenbürger gemacht:

Jahre später seid ihr nach Paris, nach London und nach New York gezogen. Aber überall warst du der Israeli; nur in Israel wurdest du zum Wiener, zum Jekke, zum Franzosen, zum Amerikaner. Schon als Siebenjähriger bist du im Hebräischen und im Deutschen gleichermaßen zu Hause gewesen. Deine Aussprache war frei von jedem Akzent, und eben deshalb warst du nirgends bodenständig, bist es immer noch nicht, sondern wirkst bis heute überall abgehoben.“ (A, S. 50)

Wie auch hier, schwingt überall die jüdische Identitätsproblematik mit. Die Suche nach der eigenen Identität bedingt immer auch die soziale, in diesem besonderen Fall die jüdische Identität.
Es gibt nicht mehr nur eine örtliche Entfernung zwischen den Holocaust-Überlebenden und ihren Kindern. In einem Gespräch über die Zeitungsdebatte zwischen Rudi Klausinger und Ethan in Kreise seiner jüdischen Freunde in Wien wird eben diese Entfernung deutlich:

Was, wenn die Artikel die beiden Seiten einer Medaille sind? Was, wenn ich mich nur in diesem Zwiespalt zu Hause fühle? Was, wenn wir alle hier heute Abend nur deshalb zusammengekommen sind, weil wir in dieser Kluft leben?“ (A, S. 40)

Doron Rabinovici beschreibt aufwühlend, gefühlsbetont und atemlos die Geschichte des Juden Ethan Rosen. Immer wenn man denkt, die Geschichte durchschaut zu haben, dreht sich alles wie ein Karussel. Der Leser hetzt ähnlich atemlos durch die Geschichte wie der Protagonist selbst. „Andernorts“ zieht einen so sehr in den Bann, dass es schwer fällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen.
Es ist nun wirklich kein unpolitischer Roman. Die Politik kommt aber nicht als lähmende Kriegserklärung zwischen Israelis und Palästinensern daher. Sie zeigt vielmehr die bewegte Welt hinter der großen politischen Bühne, das komplexe und widersprüchliche Leben eines Israelis.

Die Israelis leben im Zwiespalt eines modernen, jungen Europas und der belastenden jüdischen Vergangenheit. Sie fühlen sich dem jüdischen Volk zugehörig, wollen den Blick aber auf die Zukunft richten, statt permanent nur die Gräueltaten der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen.
Auch aus diesem Verständnis heraus versteht sich Ethan als Kosmopolit: „Israelis wie Ethan waren in Zion geboren, doch am liebsten lebten sie andernorts, in New York, San Francisco oder London, in Paris, Berlin oder Rom. Ethan gefiel das Land am besten, wenn es weit weg war.“ (A, S. 195) Seine Heimat mag Israel sein. Sein Zuhause kann überall sein.



Ein spannendes Buch über Israel und seine Menschen. Kein Buch mit Verblödungsgefahr, aber auch kein hochintellektuelles Buch, das keiner versteht. Es besticht durch seine Einfachheit und Komplexheit zugleich. Kein Buch, dass man einfach aus der Hand legen kann, wenn die letzte Seite gelesen ist. Etwas ganz besonderes!








Viel Spass beim Lesen
Eure Pauline :) 

1Rabinovici, Doron: Andernorts. Berlin 2010, S. 100. (Zitate dieser Ausgabe werden fortan im Fließtext mit A, gefolgt von der Seitenzahl, gekennzeichnet.)

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